Lesen, schreiben und gesund leben lernen

25.05.12

In den Pausen der Gräfenhainichener Förderschule geht es bewegt zu. (FOTO: THOMAS KLITZSCH)
CLAUDIA LASSLOP
GRÄFENHAINICHEN/MZ.
Lesen, rechnen und schreiben lernen – na klar, dafür ist eine Schule da. In der Gräfenhainichener Förderschule an der Lindenallee heißt es darüber hinaus “Gesund leben lernen”.

Lesen, rechnen und schreiben lernen – na klar, dafür ist eine Schule da. In der Gräfenhainichener Förderschule an der Lindenallee heißt es darüber hinaus “Gesund leben lernen”. Und damit verfolgt die Förderschule ein Anliegen, das auch der Verein “Wir helfen” mit seinem Jahresprojekt vertritt: gesunde und leistungsfähige Kinder, vor allem aus bedürftigen Familien.

In Gräfenhainichen begann alles vor fast zehn Jahren, als es Aufgabe der Landesvereinigung für Gesundheit (LVG) wurde, die Präventionsgelder der Gesetzlichen Krankenkassen gezielt an Kitas und Schulen zu verteilen: “Die LVG kam 2002 in unseren Landkreis und suchte nach Partnern, nach Projekten, um dieses Geld anzulegen”, erklärt die stellvertretende Schulleiterin, Beate Richter.

Neben einigen Kindereinrichtungen und der Ferropolis-Schule beteiligte sich in Gräfenhainichen auch die Förderschule an der Lindenallee. Ziel der Initiative: eine gesunde Umgebung zum Lernen und Leben schaffen. Und das gerade da, wo viele Kinder aus armen Familien lernen, wo die Eltern vieler Mädchen und Jungen von Arbeitslosigkeit betroffen sind. “Am Anfang unterstützte uns die LVG bei unseren Vorhaben materiell und ideell. Und wir haben seitdem immer neue Projekte entwickelt”, erzählt Richter.

Nachdem sich interessierte Kollegen zusammengefunden und erste Initiativen angeschoben hatten, konnten auch die Schüler ihre Vorschläge und Ideen einbringen: “Dann wurde abgewogen. Manche ließen sich realisieren, manche nicht – wie etwa längere Pausen”, erzählt Lehrerin Kathrin Wichert, die das Projekt “Gesund leben lernen” von Anfang an begleitet hat. “Die Idee für ein Schülerfrühstück hatten die Schüler selbst. Eine Klassenstufe sollte an einem Vormittag für alle ein gesundes, ausgewogenes Frühstück zubereiten.”

Mehr als nur gesunde Ernährung

Im Juni 2006 wurden die rund 100 Schüler zum Auftakt eines Projekttages erstmals ans gesunde Büfett gebeten. Wobei zur Gesundheit – da sind sich hier alle einig – nicht nur Ernährung gehört, sondern darüber hinaus Bewegung und ein Bewusstsein für sich selbst, für seine Umwelt. In der Schule hat sich eine positive Gruppendynamik entwickelt: “Die Kinder weisen sich gegenseitig darauf hin, wenn sie nur Süßkram in der Brotbüchse haben und bestimmen – vielleicht sogar gegen den Willen der Eltern – selbst, was sie für die Pause mitbringen, nämlich auch Obst und Gemüse”, sagt Wichert. Sie spricht davon, dass Eltern sich dann schon mal von ihren Kindern erziehen lassen.

Die Pädagogen beobachten dabei, dass die Pausenversorgung unmittelbar nach solchen Projekttagen gesünder ausfällt, dieser Effekt aber schnell wieder verflacht. Es ginge dennoch um positive Impulse: “Bei besonderen Veranstaltungen vermitteln wir Motivation – warum achte ich überhaupt auf gesunde Ernährung oder auf eine schlanke Figur? Diese Denkanstöße sind das eigentliche Ziel”, sagt Richter.

Toast für ein paar Cent oder Brot?

Nicht alle Kinder können diese Impulse an ihre Eltern weitergeben und gerade Geld spiele dann schnell eine Rolle: “Es gibt eben Toastbrot für wenige Cent, und ein hochwertiges Brot kostet ein Vielfaches mehr”, so die Einwände mancher Eltern. Aber gerade bei Möhren oder Kohlrabi zieht das Kostenargument eben nicht. Die sind auch billig zu haben.

Und dann gibt es ja auch Eltern wie Astrid Gallas, die derartige Projekte toll finden und unterstützen: “Ich zahle gern einen kleinen Obolus, wenn ich weiß, meine Tochter bekommt dafür ein ausgewogenes Frühstück.”

Ein Frühstück, über das sich die jeweils 9. Klasse viele Gedanken gemacht, sich in Chemie mit der Zusammensetzung von Lebensmitteln beschäftigt hat und den Mitschülern sogar erklärt, was sie da zu sich nehmen. “Wir versuchen, lebenspraktisch zu unterrichten, die Kinder brauchen etwas, das sie erleben und anwenden können.” Und sie nehmen neues Wissen mit nach Hause, wie Astrid Gallas bestätigt: “Meine Tochter hat uns letztes Mal dann auch zu Hause ein kleines Büfett angerichtet.”

Ohne Unterstützung ginge es nicht

Wenn sich bislang für Aktionen wie dieses Frühstück noch immer Sponsoren gefunden haben – ohne einen Eigenanteil der Eltern und die Unterstützung des Fördervereins ginge es nicht. Und das Schülerfrühstück ist ja längst nicht alles: “Unsere gesamte Schulpolitik ist auf gesundes Leben ausgerichtet”, sagt Richter. Und dieses Schulleben ist vor allem ein bewegtes – für den Hof konnte ein modernes und Tüv-gerechtes Klettergerüst angeschafft, für Kultur- und Tanzgruppe ein Probenraum eingerichtet werden. Es gibt eine Kooperation mit der Schwimmlehrerschule in Zschornewitz, bei zahlreichen Ausscheiden zwischen Schulen stehen die Schüler auf den Sportplätzen. Oft ist dann die gesamte Schule auf den Beinen und am Ball. Auch die weniger Sportlichen: “Die machen einfach mit, dann wird die Bewertung eben ausgesetzt. Es geht um die Bewegung”, betont Richter.

Als Ort zum Wohlfühlen begreifen die Pädagogen ihre Schule, als “gesunde Umwelt für ein gesundes Leben” – und nicht nur Zertifizierungen geben ihnen dabei Recht.