Weihnachten mit Schirm

23.12.12

Anna Manser (Mitte) betreut auch heute Menschen im Schirm-Projekt in der Nähe des Hauptbahnhofs von Halle. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
RALF BÖHME
HALLE (SAALE)/MZ.
Die Kerzen werden angezündet – Lichterglanz allüberall. Wieder erklingen die alten Lieder. Glocken läuten, dann werden die Geschenke ausgepackt. In Halle gibt es Wärme und Aufmerksamkeit für die, die kein Zuhause haben.

Die Kerzen werden angezündet – Lichterglanz allüberall. Wieder erklingen die alten Lieder. Glocken läuten, dann werden die Geschenke ausgepackt. Die ganze Stadt ist in festlicher Stimmung. Und doch gibt es Menschen, die Weihnachten überhaupt nicht mögen. Ihnen fällt es schwer, mit sich und der Welt klar zu kommen – erst recht Heiligabend. Um sie kümmert sich Anna Manser im Sozialprojekt “Schirm” am Hauptbahnhof in Halle, für viele Betroffene heute der letzte Rettungsanker.

Schlicht ist ihre Weihnachtsbotschaft. Sie verspricht Wärme und Aufmerksamkeit. “Wir öffnen die Tür für die, die am Rande stehen.” Das sind vor allem junge Leute ohne feste Bleibe, ohne Arbeit und mit wenig Geld. Wie kann man solche Frauen und Männer unterstützen? Sozialpädagogin Manser und ihre Mitstreiter wissen, dass diese Aufgabe nur schwer zu lösen ist. “Denn im Grunde hassen unsere Besucher das ganze Fest, werden aus kleinen Anlässen schnell wütend, manchmal auch ausfallend.”

Manser und Co. schreckt das alles nicht. Denn die Leute, die Weihnachten so sehr ablehnen, kommen trotzdem. Niemand weiß den genauen Grund, die Gründe. Vielleicht einfach deshalb, weil es sich herumspricht, dass man Weihnachten gemeinsam besser übersteht. Manser weiß aus 15-jähriger Erfahrung: “Wenn es draußen bitterkalt ist, dann ist die Hütte wirklich voll – 40 bis 60 Leute.” Richtig beschaulich wie in einer normalen Familie gehe es im “Schirm” nicht zu. Es herrsche ein recht derber Ton. Aber schön seien diese Stunden auf ihre Weise doch. Die Erziehungswissenschaftlerin aus christlichem Elternhaus: “Ich bin nicht Mutter Theresa, aber es macht glücklich, helfen zu können.” Wohl niemand in der Stadt empfängt heute mehr Gäste. Deshalb will alles gut vorbereitet sein. Monate vorher macht sich das kleine Team die ersten Gedanken. Manser meint: “Manches klingt so alltäglich und selbstverständlich, ist es aber nicht.” Die Stadt, der Saalekreis, das Land und der MZ-Verein “Wir helfen” unterstützen das Projekt seit Jahren. Derzeit ist es nach den Worten Mansers aber noch nicht klar, ob die Landesförderung in Höhe von 90 000 Euro auch 2013 fließen wird.

Die Enddreißigerin greift bereits im Sommer zum Telefon und bittet um Spenden für Weihnachten. Wenn alles klappt, dann ist im September klar, dass auch im “Schirm” Pfefferkuchen auf Weihnachtstellern liegen werden. “Ist dass geschafft, fällt mir ein Stein vom Herzen”, so Manser. Und im November, wenn mancher der Besucher am Heiligabend den ersten Glühwein-Rausch ausschläft, ist schon die Zutatenliste für das Festmahl aufgeschrieben. Das macht Köchin Karena Lindner in aller Heimlichkeit. Ihre Stelle ist seit fünf Jahren durch eine Spende finanziert.

Man sieht der 50-Jährigen an, wie stolz sie auf das Heiligabend-Menü ist. Das ganze Jahr über schaue sie auf jeden Cent, aber für Weihnachten dürfe es auch einmal etwas mehr kosten. “Meine Esser sind Heiligabend immer so dankbar.” Selbst struppige Männer mit Schnapsfahne strahlen sie nach dem Essen mit großen Kinderaugen an. In diesem Jahr stehen Hähnchen, Klöße und Rotkohl auf dem Speiseplan, sagt die Frau. Auch etwas Süßes für danach hat sie nicht vergessen. Wichtig ist ihr, dass neue, saubere Tischdecken aufgelegt werden. Da staunen immer alle Besucher, weil die meisten so etwas gar nicht kennen.

Einer, der sich zum Fest im vorigen Jahr zum ersten Mal in den “Schirm” verirrte, will dieses Mal unbedingt wieder dabei sein. Der junge Mann, den seine Kumpel nur “Ratte” nennen, macht nicht viele Worte. Weihnachten kann er eigentlich nicht leiden. Aber im “Schirm” könne man es aushalten. Hier sei es auf jeden Fall besser als im “Roten Ochsen”, dem Stadtgefängnis. Vielleicht muss er dort demnächst einrücken. Die Polizei ermittelt gegen ihn. Er sei ein renitenter Schwarzfahrer.

Für das Essen im “Schirm” verschiebt der 21-Jährige sogar seine Pläne. Eigentlich müsste er mal wieder Flaschen sammeln gehen, sagt er. “Ich brauche Geld.” Zwölf Euro pro Tag vom Jobcenter reichten nicht aus. Aber erst einmal ist Ratte gespannt, wer heute im “Schirm” auftaucht. Er hofft auf ein Wiedersehen mit einer jungen Mutter. “Sie hat zwei Kinder, aber noch nie Arbeit”, so Ratte. Er selbst habe noch keine Kinder, aber auch keinen Job – allerdings auch keinen Schulabschluss.

Um die kleinen Geschenke macht Anna Manser kein Geheimnis. Die Päckchen sind gefüllt mit nützlichen Dingen, die man im Winter gerade auf der Straße gut gebrauchen kann. Warme Handschuhe beispielsweise seien für viele etwas sehr Wertvolles. Leider sei Diebstahl ein Riesenproblem, mitunter auch im “Schirm”. Erst vor einigen Tagen habe jemand den Adventskalender aus Schokolade gestohlen. “Wenn wir den Kerl erwischen, gibt es für ihn für ein paar Tage ein Hausverbot”, droht Manser. Das bedeutet Verzicht auf Mittag- und Abendbrot, Kaffee und Kuchen für zusammen 50 Cent. Das bedeutet Verzicht auf kostenloses Duschen und Wäsche waschen. Das bedeutet Verzicht auf Billard und Internet. Einzige Ausnahme: Drogenabhängige können weiter ihre Spritzen tauschen.

Für den Weihnachtsbaum ist der ehrenamtliche Hausmeister Wilfried Meyer verantwortlich. Weihnachtslieder dagegen will im “Schirm” niemand singen. So sind die Leute nicht drauf. Ratte beispielsweise will sie nicht hören, weil er dann an einen schlimmen Heiligabend erinnert werde. “Es war der Abend, an dem mich mein Vater grün und blau geschlagen hat.” Erlebnisse, über die man auch an Heiligabend reden kann, wenn man will. Anna Manser: “Das Wichtigste ist, dass jemand da ist, der zuhört.” Erst danach könne sie mit ihrer Familie beruhigt zur Andacht in die Petruskirche gehen und der Tochter beim Krippenspiel zuschauen.